Kriegsflüchtlinge im Ersten Weltkrieg in Österreich-Ungarn


Dieses Projekt beruht auf meiner am Institut für Zeitgeschichte in Wien 1997 approbierten Dissertation zum Thema Kriegsflüchtlinge in Cisleithanien im Ersten Weltkrieg, die derzeit überarbeitet und für eine Publikation vorbereitet wird.

2013 und 2014 wurden anlässlich des Gedenkens 100-Jahre Erster Weltkrieg zwei auf diese Arbeiten beruhenden Zusammenfassungen publiziert und zwar:

Walter Mentzel, Kriegserfahrungen von Flüchtlingen aus dem Nordosten der Monarchie während des Ersten Weltkrieges, in: Bernhard Bachinger/Wolfram Dornik (Hg.), Jenseits des Schützengrabens. Der Erste Weltkrieg im Osten: Erfahrungen – Wahrnehmungen-Kontext, (Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgen-Forschung Sonderband 14), Innsbruck-Wien-Bozen 2013, S. 359-390. Online ist der Text abrufbar unter: „Jenseits des Schützengrabens

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Walter Mentzel, „Fern der Heimat“. Ursachen von Flucht und Vertreibung in der k.u.k. Monarchie, in: Jubel & Elend. Leben mit dem großen Krieg 1914-1918 (Ausstellungskatalog Schallaburg) 2014.

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Abstract:

Im Ersten Weltkrieg kam es in den Grenzgebieten der österreichisch-ungarischen Monarchie, im Nordosten in Galizien und der Bukowina, am südöstlichen Kriegsschauplatz am Balkan, und mit dem Kriegseintritt Italiens in Südtirol, dem Trentino, Görz-Gradisca, Friaul, Istrien und dem Küstenland durch die militärischen Auseinandersetzungen und der Militärpolitik zu Flüchtlingsströmen und Evakuierungen der eigenen, zumeist ethnisch durchmischten Bevölkerungsgruppen der Monarchie.

In der Studie werden die mannigfaltigen Ursachen und Motive skizziert, die zu den Flüchtlingsströmen, den Vertreibungen und Deportationen an den nordöstlichen und südwestlichen Kriegsschauplatz der Monarchie zwischen 1914 und 1918 führten, sowie die Auswirkungen auf das Leben der Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet, aber auch auf die in der staatlich organisierten Flüchtlingsfürsorge in den Unterbringungszonen der in der Monarchie lebenden, Flüchtlinge.

Die Zahl der Personen, die während des Krieges ihre Heimat verlassen mussten, kann heute nicht mehr genau festgestellt werden. Laut amtlicher Statistiken waren im Jahre 1915 mehr als 600.000 Flüchtlinge als mittellos und weitere 300.000–400.000 als bemittelt durch die Flüchtlingsverwaltung registriert. Zählt man jene Personen hinzu, die im Kriegsgebiet zurückblieben oder aus Sorge, in ein Lager abgeschoben zu werden, in der „Illegalität“ lebten, dürften sich bis zum Herbst 1915 mehr als eine Million Menschen auf der Flucht befunden haben. Diese Statistiken enthalten jedoch nicht Flüchtlinge, die im Kriegsgebiet lebten und nicht registriert wurden. Der erste Höhepunkt der Flüchtlingswellen wurde – ausgelöst durch die Offensive der russischen Armee in Ostgalizien und dem Rückzug der k. u. k. Armee – im Sommer und Herbst 1914 erreicht, nachdem die russische Armee in Ostgalizien bis an die Karpaten vorgedrungen war. Am 29. November 1914 erreichte die russische Offensive in Galizien ihre größte Ausweitung. Bis Jänner 1915 war beinahe die gesamte Bukowina unter russischer Herrschaft.

Ursachen und Motive der Flucht und der Vertreibungen:

An den in den Kriegsschauplatz ethnisch und konfessionell stark differenzierten Bevölkerungen kam es während des Ersten Weltkrieges zu einer rassistisch und nationalistisch geprägten Kriegsführung.

Die praktizierte Kriegsführung beider Armeen verschärfte die nationalen Spannungen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen und führte zu deren Polarisierung. Diese Konfliktpotenziale drückten sich in Form von Denunziationen, Plünderungen, Übergriffen bis hin zu Pogromen aus.

Ein zentrales Motiv, das die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat bewegte, lag in den unmittelbaren Auswirkungen der jahrelang andauernden militärischen Konfrontationen: den Plünderungen und Requirierungen von Gütern und Menschen, der gezielten Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz der Bevölkerung, der Vernichtung ganzer Ortschaften und der Verwüstung ganzer Landstriche, was zu einer kontinuierlichen sozialen Verelendung der Bevölkerung führte. Schon während des Rückzuges der österreichisch-ungarischen Armee im Herbst 1914 kam es immer wieder zu systematischen Vernichtungen ganzer Dörfer, um dem vorrückenden Gegner eine „verbrannte Erde“ zu hinterlassen. Neben den Spionagevorwürfen, die zu den massiven Ausweisungen und Deportationen führten, fiel die Zivilbevölkerung der Entlastung der Truppe von sogenannten „unnützen Essern“ sowie zum Zweck der Konzentration und Zuführung von Arbeitskräften für die Landwirtschaft im Hinterland den Evakuierungen zum Opfer.

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Die rasche materielle und soziale Verelendung der Bevölkerung durch die Kriegseinwirkungen und die Militärpolitik sowie die Sorge vor dem Ausbruch von Seuchen waren weitere Ursachen für die Durchführung zahlreicher Abschiebungen. Bestimmend war die Dominanz der Militärstellen. Die vielzitierte Burgfriedenspolitik, die sich bereits im Herbst 1914 in der Frage der Flüchtlinge im Hinterland als brüchig erwies, stellte für die multiethnische Bevölkerung an der Peripherie eine konkrete Bedrohung dar. Wie kaum ein anderes Land hatte sich Österreich-Ungarn bereits 1912 im Zuge der Balkankrise durch eine umfassende, gesetzlich geregelte absolutistische Machtfülle in Form weitreichender Ausnahmeverfügungen vorbereitet.

Die schon vor dem Krieg virulent gewordenen nationalen Spannungen erwiesen sich als Triebkraft, mit der durch Verfügungen die Durchgriffsrechte des Militärs bei der Bekämpfung „staatsgefährlicher“, „illoyaler“ irredentistischer, durch ethnische Zuschreibungen ausländischen Staaten zugerechnete Bevölkerungsteile oder antimilitaristische Bewegungen und Personengruppen ausgeweitet werden sollten. Eine unmittelbare Konsequenz, die sich direkt auf die Flüchtlingspolitik auswirkte, war, dass das geografische Ausmaß des „Kriegsgebietes“ weit in das Hinterland hineinreichte und eine Ausweisung der Zivilbevölkerung aus dem „engeren Kriegsgebiet“ gleichzeitig eine Unterbringung weit von der Heimat entfernt bedeutete. Der Geltungsbereich dieser Befugnisse umfasste die gesamte Bukowina, Galizien, den nordöstlichen Teil Mährens, den östlichen Teil Österreichisch-Schlesiens, Dalmatien und seit dem Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 Tirol, Vorarlberg, Salzburg, die Steiermark, Kärnten, die Krain, Görz-Gradiska, Triest und Istrien. Im Mittelpunkt der Verfolgung durch die Militärjustiz standen jeweils spezifische soziale Schichten, nationale Gruppen oder Berufsgruppen, wie griechisch-orthodoxe Geistliche und Lehrer, also gesellschaftliche „Eliten“, denen man kollektiv die Zusammenarbeit mit dem Gegner anlastete.

Diese Ausweisungs- und Internierungspläne bestimmter Bevölkerungsgruppen aus den Städten an der Grenze und Peripherie der Monarchie wurden schon vor dem Krieg ausgearbeitet. Auf dieser Grundlage wurde im Herbst 1914 ein gigantisches Schubsystem eingeleitet. Wesentlich ist, dass die hier geregelten Evakuierungsbestimmungen fast die gesamte städtische Bevölkerung und jene umliegenden Ortschaften einschlossen. Die Direktive hatte auch immer eine eindeutige politische Konnotation. Zurückbleiben sollten nur „politisch verlässliche“ und ortsansässige Personen. Das bedeutete, dass Personen, die nicht das Heimatrecht dieser Stadt besaßen, jederzeit evakuiert werden konnten. Vor allem sogenannte „mittellose“ Personen waren Objekte der Ausweisungen, der größte Teil davon Personen gehandelt haben, die durch den Krieg subsistenzlos gemacht wurden. Der Begriff „Mittellose“ stand synonym für „unnütze Esser“, Personen, die zu Arbeitsdiensten für das Militär nicht einsetzbar waren, aber auch Zivilisten, wie jüdische Kaufleute, denen im antisemitischen Kontext für die Armee „Unproduktivität“ bis hin zu die Armee schädigendes Verhalten angelastet wurde. Immer häufiger wurde unter dem Begriff „strategischer Evakuierungen“ ein Kampf gegen die eigene unter „Spionageverdacht“ stehende Zivilbevölkerung, geführt. Angefacht wurde diese Entwicklung durch die Niederlagen der österreichisch-ungarischen Armee in Ostgalizien im Sommer und Herbst 1914, die dazu führten, dass die Truppe und die militärische Führung die eigene Bevölkerung im Kriegsgebiet für die enttäuschende Entwicklung des Feldzuges verantwortlich machte. Substanziell wirkten sich hier zusehends auch antislawische und antisemitische Ressentiments aus. Neben der Verfolgung und der Denunziation der ruthenischen Bevölkerung, die kollektiv als Hochverräter stigmatisiert wurde, kam auch die jüdische Bevölkerung in den Verdacht, Spionage und Kollaboration mit dem Feind zu betreiben, weshalb es zur Evakuierung ganzer jüdischer Dörfer kam.

Die k. k. Flüchtlingspolitik während des Ersten Weltkrieges. Die Verwaltung des Elends

Die Militär- und Zivilverwaltung in Österreich-Ungarn war 1914 in keiner Weise auf die Flüchtlingsströme vorbereitet. Weder gab es präventive Anweisungen zur Fürsorge noch wurde Vorsorge zur Unterbringung von Flüchtlingen getroffen. Hinzu kam der in den ersten Kriegsmonaten unternommene Versuch, die Existenz der Flüchtlinge vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen, um die wahre Kriegssituation zu verschleiern und die Kriegseuphorie nicht zu konterkarieren. Ungarn hingegen weigerte sich während der gesamten Kriegsdauer an einer gesamtstaatlichen die Lasten und Kosten der Flüchtlingsfürsorge teilzunehmen. Flüchtlinge waren für Ungarn ausnahmslos Gegenstand von Razzien und Ausweisungen in die österreichische Reichshälfte.

In den Verwaltungsstellen kam es rasch zur Herausbildung verschiedener Begrifflichkeiten, mit denen „Flüchtlinge“ definiert und kategorisiert wurden. Dies hatte den Zweck, den Zugriff auf die Flüchtlinge zu administrieren und die einzelnen Flüchtlingsgruppen zu steuern, diente der Zu- oder Aberkennung der Flüchtlingsfürsorge, der Einweisung in ein Lager, dem Abtransport in die Heimat, der Festsetzung eines Arbeitszwanges oder der zwangsweisen Festhaltung und der Gewährung eines freien Aufenthaltsortes. Dabei handelte es sich sowohl um eine bürokratische Begriffstrennung als auch um eine gesellschaftliche Wertung. Solche Bewertungen wurden in der Flüchtlingspolitik konsequent in den restriktiven sozialpolitischen und polizeilichen Maßnahmen der Armenfürsorge, dem Schub- und Internierungswesen gebündelt. Konsequent fußte die staatliche Flüchtlingspolitik in ihren Grundsätzen von Beginn an auf den umfassenden Direktiven über die Internierung und Festhaltung von „staatsgefährlichen“ Inländern und Ausländern, wie sie vom Kriegsministerium entworfen worden waren. Erst im September 1914 wurde vom Innenministerium ein ordnungspolitischer Plan zur Verteilung, Überwachung und Registrierung der Flüchtlinge über die gesamte Monarchie ausgearbeitet. Ziel dieser Pläne war die „Ansammlung mittelloser Flüchtlinge“ in Städten und deren unkontrollierte „Verbreitung im ganzen Reich zu vermeiden“. Die Aufgabe des Staates wurde von Beginn an ausschließlich als eine „supplierende“ Hilfestellung verstanden, die auf die Beschaffung von Unterkünften und der „notwendigsten Nahrung“ beschränkt blieb und in der Tradition der öffentlichen Wohlfahrts- und Armenfürsorge stand. Die Anstrengungen in der Flüchtlingsfürsorge waren dem Ziel untergeordnet, nationale und soziale Konflikte im Inneren zu hemmen und für eine baldige Rückkehr der Flüchtlinge Vorsorge zu treffen. Die wesentlichen Aufgaben beschränkten sich auf die Bewachung, die Kontrolle der Bewegungsfreiheit und die Registrierung der Flüchtlinge. Ein weiterer Eckpfeiler der staatlichen Flüchtlingspolitik fußte auf den Prinzipien des Schubwesens, wie es im „Heimatrecht“ verankert war und wozu die restriktiven sozialen Ansprüche notwendig waren, und bedeutete, dass jederzeit eine zwangsweise Repatriierung durchgeführt werden konnte. Die Sorge um eine Sesshaftwerdung, vor allem jüdischer Flüchtlinge, sogenannter „Ortsfremder“, war von Erst ab Jänner 1915 griff der Staat aus ordnungspolitischen, wirtschaftlichen Interessen, und im Interesse der Kriegsführung in das Fürsorgesystem gestaltend ein. Nicht zuletzt, da ein rasches Ende des Krieges nicht zu erwarten war. Damit versuchte die staatliche Verwaltung erstmals mit diesen Eingriffen die flüchtlingspolitischen Aufgaben an sich zu ziehen. Kernstück dieses Maßnahmenpaketes war ein Regierungsprogramm, das als „sanitäres, religiöses, sozialpolitisches und kulturelles“ Fürsorgekonzept den Unterbehörden zur Umsetzung angewiesen worden war. Im Wesentlichen enthielt dieses Programm eine weitere Verschärfung des Arbeitszwanges, die stringente Überwachung und Kontrolle der Flüchtlinge und den Versuch, die Unterbehörden vor allem in die finanzielle Pflicht und soziale Obsorge einzubinden. Die Fürsorgemaßnahmen umfassten die kostenlose Überleitung der Flüchtlinge in ihre Unterbringungsorte, sie regelten die Auszahlung der Unterstützungsgelder, die Naturalverpflegung in den Baracken, die ärztliche Vorsorge, Schaffung sanitärer Einrichtungen, die religiöse Fürsorge, den Unterricht für Flüchtlinge (gewerbliche und landwirtschaftliche Kurse), Kinderhorte, Waisenhorte, die Arbeitsvermittlung und die Repatriierungsfrage. Die Motive dazu waren, der zunehmenden Verelendung unter den Flüchtlingen in den Lagern wie in den Gemeinden entgegenzuwirken und die Unterbehörden verpflichtend bei der Fürsorgeleistung einzubinden. Die Berichte aus den Gemeinden in der Zeit vom Spätherbst bis zum Frühjahr 1915 zeigen, dass die private Fürsorge in den Gemeinden vielfach nicht oder nicht mehr funktionierte, innerhalb der Bevölkerung kaum Rückhalt anzutreffen war, und die Flüchtlinge sich selbst überlassen blieben.

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Diese umfangreichen Erlässe zusammen gesehen verdeutlichen vor allem das Auseinanderklaffen zwischen den Ansprüchen der Flüchtlingsverwaltung und den Lebensbedingungen in den Gemeinden und Lagern. Die Berichte und Weisungen des Innenministeriums zeigen vielmehr eine bürokratische Verwaltung des Flüchtlingselends, während weitgehend Willkür herrschte und unterschiedliche Praktiken in den Landes- und Stadtverwaltungen in der Flüchtlingsbetreuung herrschten.

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Ein weiterer zentraler Eckpfeiler der staatlichen Flüchtlingspolitik kam der Logistik und hier vor allem den Perlustrierungsstationen zu. Auf einer Nord-Süd-Achse, von Schlesien bis in das südliche Niederösterreich, wurden an den Bahnknotenpunkten Perlustrierungsstationen errichtet (Prerau und Ungarisch-Hradisch). Hier wurden die aus den Kriegsgebieten ankommenden Flüchtlinge sanitäts- und sicherheitspolizeilich überprüft, nach Nationalität und Konfession (Juden, Ruthenen, Polen) getrennt, vor allem nach sozialen Kriterien selektiert, um sie von hier in ihre ihnen zugewiesenen Gemeinden oder Lager weiterzubefördern. In diesen Stationen kam es zu wochenlangen Desinfektions- und Quarantänemaßnahmen in überfüllten Baracken und zu Krankheitsübertragungen, die schließlich in den Unterbringungsgemeinden oder in den Lagern zum Ausbruch von Epidemien führten und neuerliche Desinfektionsmaßnahmen nach sich zogen. Daneben hatten diese Stationen die Aufgabe, sogenannte „mittellose Flüchtlinge“ aus der Masse der Flüchtlinge herauszufiltern und sie in die für sie vorgesehenen Lager abzutransportieren. Hauptbetroffen waren von dieser Selektion und Bewertung Frauen und kinderreiche Familien. Privaten Flüchtlingskomitees, die es in großer Zahl gab, sollten sich im Laufe des Krieges als einziges Korrektiv zur häufig ausbleibenden staatlichen Flüchtlingsfürsorge erweisen. Sie vertraten die Flüchtlinge durch Interventionen bei den Ministerien oder ab 1917 im Reichsrat, wo sie eine breite Öffentlichkeit auf die Lebensumstände der Flüchtlinge aufmerksam machten. Sie waren als Lobbyisten letztlich die einzigen Instanzen, die gegen die Missstände der staatlichen Flüchtlingsverwaltung und der Militärpolitik auftraten und die Kenntnis über die tatsächlichen Vorgänge in den Kronländern hinsichtlich der Umsetzung der Richtlinien der Flüchtlingsfürsorge besaßen. Flüchtlinge konnten einen Flüchtlingsstatus nur in sieben Kronländern erhalten: Niederösterreich/Wien, Oberösterreich, Böhmen, Mähren, Steiermark, Salzburg und Schlesien. Mitte Oktober 1914 lebten in den Unterbringungszonen in Cisleithanien zirka 210.000 Flüchtlinge. In den Flüchtlingslagern wurden zeitweise bis zu 150.000 Flüchtlinge festgehalten. Mähren war für jüdische Flüchtlinge als Unterbringungszone bestimmt, wobei die Existenz jüdischer Gemeinden ausschlaggebend war. Hier wurden die Lager in Nikolsburg, Phorlitz und Gaya errichtet, ebenso in Böhmen Deutschbrod. Schon die Begriffsvielfalt, mit der diese Lager im Verwaltungsschriftgut umschriebenen wurden, weist auf deren differenzierte Funktionen hin (Flüchtlingslager, Sammellager, Internierungslager, Konzentrationslager, Konzentrationsstation, Beobachtungsstation und Perlustrierungsstation). Damit wurde ein System beschrieben, das Flüchtlinge nach nationalen, konfessionellen Gruppen, nach „sauberen“ und „unsauberen“, nach wirtschaftlich nutzbaren und unnützen Zivilisten differenziert. Insgesamt muss konstatiert werden, dass das Leben in den Lagern die Flüchtlinge vor eine enorme psychische wie physische Belastung stellte. Nach Fertigstellung der Lager im Winter 1914/15 wurden tausende Flüchtlinge aus den Gemeinden in die Lager transportiert. Die rasch überfüllten Lager führten zur Sorge vor Epidemien und infolgedessen zur Ausgestaltung der Lager mit Desinfektionsanstalten. Wie auf keinem anderen Gebiet der Flüchtlingsfürsorge wuchsen hier die bürokratischen Vorschriften. Nicht selten führten diese hygienischen Prozeduren zu gegenteiligen Erfolgen und zum Ausbruch von Epidemien Die „Lebenswelt“ der Flüchtlinge war im Laufe des Krieges zusehends von einem massiven Aggressionsschub durch breite Bevölkerungsschichten geprägt.

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Die größte Zahl der Flüchtlinge lebte in Wien, zirka 137.000, größtenteils jüdische Flüchtlinge. Ab 1916/17 kam es infolge der Versorgungsengpässe in den Flüchtlingsgemeinden zur rasanten Abnahme der Akzeptanz, sodass es auch innerhalb Westösterreichs zu Wanderungsbewegungen kam. Trotz der Intervention war die Lebenssituation der Flüchtlinge in den Gemeinden beängstigend. Immer wieder kamen Klagen über mangelhafte Unterkünfte, die in einem hygienisch und baulich katastrophalen Zustand seien, und dass obendrein die Ausgabe der Lebensmittel verwehrt werde. Schon im Herbst 1914 bildeten die ökonomischen und sozialen Krisenerscheinungen verknüpft mit dem Ausbleiben der Kriegserfolge den Boden für die Vorurteilsneigung und die Aggressionsbereitschaft. Typische Beispiele dieser Art waren Vorwürfe der Preistreiberei bei Nahrungsmitteln, der Wohnungsnot, der Seuchenübertragung und der militärischen Niederlagen. Immer häufiger wurden fremdenfeindliche Praktiken damit gerechtfertigt, dass der Ausbruch von Pogromen oder sozialer Konflikte drohte und eine Abschiebungen aus den Gemeinden und Städten oder auch die systematischen Repatriierungen Abhilfe leisten würden. Die flüchtlingspolitischen Maßnahmen setzten zusehends auf Ausgrenzungsstrategien. Häufig bedienten sich Behörden subtiler bürokratischer Schikanen oder sie behalfen sich restriktiver Verwaltungsparagrafen.

Rückführungen:

Die Modalitäten der Rückführung waren k. k. Kriegsministerium, dem k.k. Innenministerium und dem Armeeoberkommando bestimmt. Der Großteil der Fürsorgemaßnahmen, wie beispielsweise die Bezugsberechtigung der staatlichen Fürsorge oder das Arbeitsverbot für jüdische Flüchtlinge, waren auf die baldige Rückführung abgestimmt. Oft waren „öffentliche Stimmungslagen“ Auslöser von Repatriierungsaktionen. Generell kann zwischen organisierten Repatriierungen und jenen von regionalen Behörden „eigenmächtig“ vollzogenen, sogenannten „wilden“ Repatriierungen unterschieden werden. Im Juli 1915 wurden zunächst von den Verwaltungsstellen im Innenministerium mit einem Erlass die Grundlagen der Repatriierungen ausgearbeitet. Dabei wurden Galizien und die Bukowina entsprechend den Sicherheitsinteressen in drei Zonen geteilt. Seit dem Juli 1915 gingen aus Wien fast täglich Sammeltransporte sogenannter „mittelloser“ Flüchtlinge nach dem Nordosten der Monarchie ab, wozu zuvor rigoros die Unterstützungsberechtigungen eingestellt wurden. Insgesamt dürften bis 1. November 1915 zirka 250.000 Personen ausgewiesen worden sein. Während seitens des Innenministeriums versucht wurde, die von den unteren Verwaltungsbehörden und der Exekutive durchgeführten „wilden“ Repatriierungsaktionen zu bremsen, forcierte es die Repatriierungen und signalisierte damit den Unterbehörden ihr bei den Ausweisungen entgegenzukommen. Während der Auflösung der Monarchie kam es immer häufiger zu Abschiebungen aus einer Gemeinde in die nächstgelegene Stadt oder Gemeinde. Im November 1918 lebten auf dem Gebiet der Republik zirka 100.000 Flüchtlinge. Die von der provisorischen Staatsregierung unternommenen gesetzlichen Vorarbeiten bürgerten die im November und Dezember 1918 auf dem Staatsgebiet des heutigen Österreich untergebrachten Flüchtlinge faktisch aus und entbanden damit die Republik von den Fürsorgeleistungen. Beschleunigt wurde diese Entwicklung durch den völligen Zusammenbruch der Flüchtlingsfürsorge, nachdem bereits im Sommer 1918 die Budgetmittel für die Fürsorgemaßnahmen eingestellt worden waren. Bei den Verhandlungen mit den Nachfolgestaaten zeigte die Republik in keiner Weise ein Interesse an einer gemeinsam akkordierten Lösung des Flüchtlingsproblems, wenn auch nur einer geteilten Übernahme der Flüchtlingsfürsorge. Die Verhandlungen wurden von Österreich auf der Grundlage geführt, dass es sich bei den Kriegsflüchtlingen nunmehr um Ausländer handelte. Am 12. November 1918, dem Tag, an dem die Republik ausgerufen wurde, kam es nur mehr zur Gewährung der Fürsorge für „deutschösterreichische“ beziehungsweise „deutsche Flüchtlinge christlicher Konfession“. Womit jüdische Flüchtlinge ausgeschlossen blieben. Die Flüchtlingsunterstützung wurde schließlich am 15. März 1919 beendet. Die letzten Ausweisungen erfolgten noch bis in die 1920er Jahre.

Von den Ereignissen zwischen 1914 und 1918 blieb, dass Flüchtlinge bis in die 1920er Jahre hinein in der Innen- wie in der Außenpolitik bei den politischen Eliten und in der Öffentlichkeit präsent waren. Anstelle des Begriffs Flüchtling wurden nunmehr „Fremde“ und „Ausländer“ gesetzt, weiterhin gegen Flüchtlinge gehetzt und einer Deportationspolitik das Wort geredet. Sie waren präsent, wenn Sündenböcke für wirtschaftliche Krisen gesucht oder xenophobe Ängste geschürt werden sollten. Sie überlagerten jegliche zeitgenössischen Versuche einer kritischen Einordnung der Flüchtlingsproblematik und ihrer Ursachen. Stattdessen blieb im Zusammenhang mit den Kriegsflüchtlingen ein rigider Antisemitismus als Erbe zurück.

Text, copyright: Walter Mentzel

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